Moin,
ich versuch jetzt mal von der Beschreibung des Abends einen Schritt weiter zu gehen. Ich habe ein wenig über unsere Rezeption der Filme nachgedacht. Ich will damit beginnen, wie ich auf die Filme gekommen bin. Ich habe mich aus Interesse via Wikipedia mit Kannibalismus beschäftigt und bin so natürlich auch auf diesen Rothenburger Fall gekommen (der nur so nebenbei, garnicht so heftig ist, es gibt noch viel heftigere Fälle, die aber das Interesse nicht so geweckt habe, weil die Opfer meistens nicht verlangt haben gegessen zu werden). So stieß ich auf den Film Cannibal und mit dem Keyword „indiziert“ hat er natürlich meine Aufmerksamkeit erregt. Es gibt keine Trailer im Netz, deswegen habe ich mir alle Comments auf IMDb durchgelesen. In diesen Comments kamen dann Sätze vor wie „Schaut ihn euch nicht an“, „Der ekelhafteste Film den ich je gesehen habe“, „Schlimmer als…“. Ja und bei den schlimmer als, wurden dann Salò und Pink Flamingos erwähnt, was natürlich sofort meine Interesse weckte.
So nun frage ich mich, warum wollte ich diese Filme sehen. Warum war dann nach den Filmen eine kleine Entäuschung vorhanden, weil sie doch nich so eklig waren, wie ich mir das erhofft habe. Ich glaube, dass niemand von uns selbst zu solchen Taten fähig wäre, trotzdem hatten wir alle Spaß uns sowas auf dem Fernsehbildschirm bei Chips und Bier anzuschauen.
Als ich 15 war bin ich erstmals auf Snuff-Filme aufmerksam geworden und habe ein bisschen was davon gesehen, habe aber nicht weiter geguckt, weil ich nicht entscheiden konnte ob es echt oder fake war. Bei twogirlsonecup ist das ähnlich. Haben uns diese Filme nur deswegen nicht so schockiert, weil wir wußten, dass es nicht echt ist, was dargestellt wird?
Ich glaube da entsteht für Kunst ein echtes Problem, denn Kunst soll ja auch schockieren und kontrovers sein und man soll sich ja auch immer mal die Frage stellen ob sowas wirklich so liberal behandelt werden soll, oder ob das indiziert werden soll (was jedoch lächerlich ist, weil den Cannibal zu bekommen war über diverse Wege problemlos machbar). Wenn Kunst nur noch schockiert, wenn sie echt ist oder zumindest den Anschein hat, dass es echt sein könnte, ergibt sich ein Dilemma. Denn um wirklich echt Verbrechen nachzustellen, muss man sie ja begehen.
Ist es gut, dass wir so abgehärtet sind? Eine weitere kleine Anekdote aus meiner Jugend im Osten dieses Landes. Irgendwann war ich in der Bibliothek meines damaligen Gymnasiums und fand einen Bildband. Er zeigte Bilder von BRD-Deutschen Soldaten im Kongo, wie sie Leichen schänden, wie unschuldige Kinder sterben und hungern. Dazu Bildunterschriften wozu die Anti-Kommunisten alles fähig sind. Die Bilder wirkten alle sehr echt und ich glaube auch bis heute, dass die Bilder echt waren. Mich hat es damals schockiert, denn ich wusste natürlich aus Anti-Kriegsfilmen und dem Geschichtsunterricht, das Krieg schrecklich ist und das Menschen in solchen Situationen zu allem fähig sind, aber das war alles nur theoretisch oder fiktional bzw. nachgestellt. Die Bilder waren echt.
Man kann sehen, das die Leute im Moment, wirklich nur vom Hocker gehauen werden können, wenn sie sich vormachen können, dass es eventuell echt ist (man denke den semi-dokumentarischen Stil von Unterhaltung wie Blair Witch, Muxmäuschenstill oder gar Stromberg).
Im Prinzip haben wir dadurch ja genau, dass erreicht was bei Salò gefordert wird. Wir sind von unseren Hemmungen befreit (also zumindest im Kopf.. sowas real zu machen ist sicherlich noch eine andere Geschichte), die Frage ist, welche Rolle bei Salò wir spielen. Die gefangenen Jugendlichen, die das irgendwie gegen ihren willen erfahren (manchmal sieht man ja was im Netz, dass man nicht unbedingt sehen wollte) und entweder traumatisiert werden, irgendwie seltsam gefallen daran finden oder ganz abdriften, in einer Traumwelt leben und anfangen zu tanzen oder ob wir die Ausführenden sind, die ihren Perversionen freien lauf lassen und keine Rücksicht auf das jeweilige Opfer nehmen.
Schöne neue Freiheit, gewonnen durch das Internet und nichtmal gewusst, dass man diese Freiheit haben wollte. Da könnte man jetzt diese lange Diskussion über Internetsperren auspacken, aber das sollen andere machen. Ich frage mich nur selbst, warum ich nicht mehr schockiert werden kann und ob dadurch nicht etwas verloren geht. Vielleicht sitzen unsere Kinder irgendwann Sonntags emotionslos mit uns auf dem Sofa und wir gucken den neusten Pornokrimi vom ZDF. Die neue Familienidylle, den konservativen Parteien Deutschlands wird’s gefallen.
Morgens wird’s kalt
Karsten